Realien: Materialien von Anton Hafner (KZU Bülach)

 

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NZZ ZEITFRAGEN Samstag, 08.07.2000 Nr.157   88

 

Die schwere Fracht der Pharaonen

Lebendiges Erbe der altägyptischen Religion in Ägypten

Von Kristina Bergmann*

Die pharaonische Kultur und Religion hat das Christentum bei seiner Entwicklung und Verbreitung in Ägypten tief beeinflusst. Sowohl in der christlichen Theologie und Symbolik als auch in der koptischen Architektur und Kunst finden sich allenthalben die Mythen und Sinnbilder der altägyptischen Glaubenslehre. Während viele davon praktisch unerkannt im christlichen Glauben integriert sind, gelten die von Christen und Muslimen geteilten uralten Begräbnisrituale allgemein als «heidnische» Überbleibsel der Pharaonenzeit.

Ins Innere des Koptenviertels Alt-Kairo führt ein Torbogen der römischen Festung Babylon. Er liegt tief unterhalb des heutigen Strassenniveaus. Beim Durchschreiten vermittelt sich augenblicklich die bizarre Atmosphäre des gesamten Viertels. Mit den schmalen Strässchen, den winzigen Häusern, den noch tiefer eingesunkenen Kirchen und Kapellen scheint es keinem anderen in Ägypten zu gleichen. Oder doch? Ähnelt es nicht der Stadt Dêr al-Medina, wo die Nekropolenarbeiter des alten Theben lebten, welche die Gräber der Pharaonen bauten und deshalb vom gewöhnlichen Volk abgeschirmt wurden? War Dêr al- Medina auch durch seine Abgeschlossenheit von der Umwelt ein Sonderfall, so war seine Bauweise doch typisch für das Neue Reich.

An dieser hatte sich kaum etwas geändert, als 1400 Jahre später das Christentum Ägypten im Sturm nahm und die frühen Christen auf den Überresten Babylons eine neue Siedlung errichteten. Was für Häuser- und Städtebau galt, wurde auch für die Sakralbauten verbindlich. Zwar sind die frühen Kirchen Alt-Kairos klein und strahlen mitnichten die Macht und Kraft der pharaonischen Heiligtümer aus, doch leitet sich ihr Grundriss direkt vom pharaonischen Tempelschema ab: Der längliche Hauptraum ist in drei Schiffe gegliedert, wobei das Mittelschiff durch Säulen überhöht ist, so dass durch die Obergaden Licht eintreten kann. Eine mit Intarsien verzierte Holzwand trennt das Schiff vom Allerheiligsten mit dem Altar ab. Zu ihm haben - wie im pharaonischen Sanktuar - nur die Priester Zugang.

Von der Lebensschleife zum Kreuz

Als das Christentum nach Ägypten kam, war es erst wenige Jahrzehnte alt. Trotz dem Widerstand der römischen Herrscher breitete es sich in Windeseile aus. Mit der Hoffnung auf Erlösung bot es dem frommen Volk Trost und Rückhalt und im Gegensatz zur altägyptischen Religion, die in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten von den fremden Herrschern mehr und mehr als Machtmittel missbraucht worden war, eine Identität.

Doch so stark das junge Christentum inhaltlich war, so schwach und lückenhaft war es an Symbolen, Metaphern und Legenden. Die dreitausendjährige ägyptische Glaubenslehre besass hingegen eine Fülle von Mythen und Ausdrucksformen. Viele - wie der Grundriss des Tempels - wurden zu dauerhaften Elementen des Christentums. Andere - wie die Symbole - wurden nach einer Übergangsphase abgestossen oder aber assimiliert und integriert.

Frappante Beispiele dafür finden sich im Koptischen Museum, das Anfang dieses Jahrhunderts in Alt-Kairo gegründet wurde. Auf den hier ausgestellten frühesten christlichen Grabstelen des 1. und 2. Jahrhunderts wurde die Lebensschleife, die im alten Ägypten das Symbol unvergänglicher Lebenskraft war, unverändert abgebildet. Auf einer Stele des dritten Jahrhunderts steht zwischen zwei Lebensschleifen plötzlich ein einfaches Kreuz, das an seinem oberen Ende von einem Schleifenrest verziert wird. Dies zeigt, welche Symbolkraft 300 Jahre nach Christi Geburt das altägyptische Zeichen noch besass; anzunehmen ist, dass das christliche Kreuz nicht zuletzt wegen dieser Ähnlichkeit zu einem Glaubenssymbol erhoben wurde. In einem anderen Saal des Museums steht am Ende zweier prachtvoller Säulenreihen eine Steinkanzel aus dem Jeremiaskloster, das im 6. Jahrhundert ganz in der Nähe der Stufenpyramide von König Djoser in Sakkara gebaut wurde. Als Vorbild der christlichen Kanzel dienten offensichtlich die Stufen, die zum Thron Djosers im Jubiläumssaal von Sakkara führten. Die Treppe wiederum war im alten Ägypten ein Symbol der Himmelfahrt; sowohl die Stufen der Pyramide als auch die des Thrones sollten dem König den Aufstieg in den Himmel erleichtern. Beim Vergleich der beiden Kanzeln verblüfft der Zeitunterschied von über 3000 Jahren. Noch mehr erstaunt, dass der «Minbar», die Kanzel der Moscheen, direkt auf das koptische Vorbild zurückgeht.

Der Sohn Gottes

Einer ähnlichen Anpassung waren auch zahlreiche Mythen unterworfen. Trotz dem Schweigegebot für die Priester waren sie über die Jahrtausendwende hinweg im Volk lebendig geblieben und wurden nun begierig von der neuen Religion aufgesogen. Dabei spielten weniger - wie bei der Lebensschleife - Entsprechungen und Parallelen eine Rolle als vielmehr die Ahnung des frühesten menschlichen Erkennens, das aus ihnen sprach. Einer der ältesten Mythen, nämlich die ins Alte Reich zurückgehende Legende von der Geburt des Gottkönigs, gilt vielen Ägyptologen als geistige Vorlage des Weihnachtsevangeliums. Den Pharaonen diente sie zur Legitimation der Erbfolge, da der König ja auch Sohn des Schöpfergottes war. Nach dem Mythos beschliesst der Schöpfergott Amun (ganz früher der Vatergott Re), einen Thronfolger zu zeugen. Er wählt die Königin als irdische Mutter für seinen göttlichen Sohn und sendet seinen Botengott Thot, um ihr die frohe Nachricht zu verkünden. Nun gibt er sich als Gott zu erkennen und vereinigt sich mit der jungfräulichen Königin. Unter dem Beistand weiterer Götter kommt der eingeborene Sohn zur Welt. Geburt und Erziehung sind weltlich, also hat Pharao an beiden Welten teil.

Auch die Wurzeln einer der zentralsten Lehraussagen der christlichen Theologie, die der Dreifaltigkeit, reichen in die altägyptische Religion. Zur Zeit Tutanchamuns wurde die ägyptische Trinität so definiert: «Alle Götter sind drei: Amun, Re und Ptah; es gibt nichts ausser ihnen. Verborgen ist sein Name als Amun, er ist sichtbar als Re, sein Leib ist Ptah.» An die christliche Trinitätsvorstellung erinnernd, heisst es weiter, dass in der Einheit des Vatergottes (Re), des Leibgottes (Ptah) und des Geistes (Amun) das Göttliche vollständig enthalten sei.

Uralte Rituale

Zum Zeitpunkt der arabischen Eroberung Mitte des 7. Jahrhunderts war Ägypten ein vollständig christianisiertes Land. Doch was bedeuten schon 400 Jahre Christentum im Vergleich zu den 3000 Jahren der altägyptischen Religion? Deren Spuren blieben auch nach der Islamisierung erhalten, allerdings nicht im offiziellen Islam, sondern vielmehr in der volkstümlichen Religiosität. Ihr Hauptelement wurde die Heiligenverehrung. Die Kluft zwischen Gott und Mensch vermochte der Ägypter der Pharaonenzeit durch den Lokalgott und der Christ durch die Jungfrau Maria zu überbrücken; der Muslim richtete sein Verehrungsbedürfnis hingegen rasch auf den Propheten, dessen Angehörige und später auf die zahllosen Heiligen. Wenn es auch in der gesamten islamischen Welt Feiern zu Ehren der Heiligen gibt, werden sie doch nirgends mit so viel Inbrunst begangen wie in Ägypten. Man schätzt, dass die Hälfte der Ägypter in einer «Tariqa» - der Gefolgschaft eines bestimmten Heiligen - organisiert ist und regelmässig an einem Heiligenfest teilnimmt. Abgeschlossen wird jedes Heiligenfest mit einer Prozession - ganz so, wie es auch bei den altägyptischen Festen üblich war.

Auch in der Begräbnisfeier haben sich Elemente der pharaonischen Vergangenheit erhalten. Nie haben es die Ägypter geschafft, sich die vom Christentum und noch mehr die vom Islam geforderte innere Distanz zum Tode anzueignen. Bei Christen wie Muslimen wird auch heute lautstark, intensiv und lange getrauert. Vor allem wenn ein Kind gestorben ist, raufen sich die Frauen kreischend die Haare und werfen sich wieder und wieder auf den Boden. Ihre Gesichter sind blau und verkrustet, weil sie zum Zeichen der Trauer eine Mischung aus Lehm und Indigo aufgetragen haben. Wenn die Verwandten das tote Kind, das nur in ein weisses Tuch gehüllt ist, aus dem Haus tragen, erreicht die Verzweiflung den Höhepunkt. Gemeinsam versuchen die Frauen den Leichnam zu packen und zurück ins Haus zu zerren.

Das Brot der Toten

Das Begräbnis ist nur der Beginn einer langen Trauerzeit. Am dritten Tag danach werden die Kleider des Toten gewaschen, und die Frauen beginnen wieder herzzerreissend zu klagen. Auch die beiden folgenden Mittwoche und der 40. Tag nach dem Todestag sind Trauertage. Christliche Priester und muslimische Scheichs sind sich einig: Die «unaufhörliche und übertriebene» Trauer sei ein Überbleibsel pharaonischer Zeiten, als man ganz und gar auf den Tod fixiert gewesen sei.

Im alten Ägypten bedurfte der Wiederbelebte der gleichen Dinge wie der Lebende. Während des Totendienstes wurde er deshalb neben Gebeten mit Nahrung und Getränken versorgt; der Seele musste Wasser zur Verfügung stehen. Gerade diese Sitte hat sich sowohl bei den ägyptischen Christen als auch den ägyptischen Muslimen bewahrt. Heute ist es nicht der älteste Sohn des Verstorbenen oder ein Totenpriester, welche die Toten regelmässig besuchen. Diese Aufgabe obliegt den Frauen. Jeweils vor den grossen christlichen und islamischen Festen backen sie kleine runde Brote. Auf dem Friedhof werden sie symbolisch den Toten geopfert, doch praktisch den Armen geschenkt, die sich zu diesen Anlässen in Scharen einfinden. Auch diese menschliche Geste wird wohl bereits zu pharaonischen Zeiten üblich gewesen sein.

* Kristina Bergmann ist Korrespondentin der NZZ in Ägypten und wohnt in Kairo.

 

 


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