Realien: Materialien von Anton Hafner (KZU Bülach)

 

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NZZ LITERATUR UND KUNST Samstag, 30.09.2000 Nr.228   89

 

Nützliches Wissen in der Hand

Die Vorgeschichte der grossen Enzyklopädien

Von Rudolf Schenda

Auch Bücher haben ihre Geschichte; bisweilen haben grosse eine «kleine» Vorgeschichte. Den stattlichen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts, deren Nachfolgerinnen auch heute noch die Regale füllen, gingen handlichere «Allbücher» voraus.

Unter den Cimelien, sprich: den versteckten Schätzen, der Stiftsbibliothek St. Gallen findet sich ein 206 Seiten starkes Wörterbüchlein - es misst 85 Millimeter im Quadrat -, das Vocabularius Sancti Galli genannt wird, aber erst 150 Jahre nach dem Tode des Heiligen, also um das Jahr 790, von einem angelsächsischen Mönch auf deutschem Boden geschrieben wurde. Dieses Wörterverzeichnis ist nicht alphabetisch organisiert, sondern nach sinnvollen Sachgruppen angeordnet; es beginnt mit Bäumen, Pflanzen und Gewässern und behandelt dann den Menschen: seinen Stand, die Körperteile, seine Eigenschaften und die Verwandtschaft, schliesslich seine Krankheiten. Es folgen einige Tiere, die Erde, Ackerbau, Strassen, Häuser; erst am Schluss stehen der Himmel, Meteorologie und Jahreszeiten. Bei den Körperteilen finden sich die lateinischen und althochdeutschen Bezeichnungen nebeneinander gestellt, so etwa für Hals, Blut, Adern («plot adra»), Arme, Hand, Ellenbogen und Schulter («ahsla»); dann dreht es sich um Daumen, Handteller («preta») und Faust, die Finger fehlen also; es geht weiter mit verschiedenen Namen für Brust und Brüste («tutto»), und schliesslich folgen die inneren Organe Herz, Leber und Lunge.

Da sehen wir keineswegs ein munteres Durcheinander von Wörtern vor uns, sondern eine kleine, geordnete Enzyklopädie, welche etwa den aus Irland hergezogenen, lateinisch gebildeten Missionaren zu einem ersten alltäglichen sprachlichen Umgang mit gewöhnlichen Menschen unserer Breiten dienen mochte: Der «Vocabularius» erscheint heute vielleicht von bescheidenem Wert, umso gewinnbringender war er im Leben seiner damaligen Benützer.

WIE KLEIN DARF EINE ENZYKLOPÄDIE SEIN?

Sagte ich Enzyklopädie? Ein Allbuch? Ja, in dem Sinne nämlich, dass dieses Handbüchlein (man darf es ein echtes «Enchiridion» nennen) die in einem bestimmten Lebenszusammenhang nötigen und die für den täglichen Gebrauch nutzbringenden Informationen lieferte: Der Missionar auf seiner Reise konnte damit zurechtkommen. Eine Enzyklopädie ist allemal ein Gebrauchsbuch und ein Nutzbuch, ihr Umfang ist zunächst nicht ihr wesentliches Bestimmungsmerkmal.

Also könnte eine Enzyklopädie auf ein einziges Blatt geschrieben oder gemalt sein? Ja, die sogenannte Ebstorfer Weltkarte zum Beispiel (aus einem Kloster in Niedersachsen und aus dem 13. Jahrhundert stammend) erlaubte den Adligen am welfischen Hofe einen globalen Blick über die vier Weltteile, sie schauten auf Jerusalem als das Zentrum der irdischen Scheibe, lernten die monströsen Bewohner fremder Länder kennen und erblickten Tiere, die es da oben im Norden nicht gab: Elefant, Strauss, Hyäne, Ameisenlöwe, Kentaur, Panther, Pelikan. Diese Karte (oder die noch ältere sogenannte Hereford-Karte) genügte, um zu wissen, wo man selbst stand, wer man selbst war.

Oder auch so: Holzschnitt-Einblattdrucke des 15. und 16. Jahrhunderts benützten die menschliche Hand als Schreibunterlage und insbesondere die vierzehn Segmente der Finger und des Daumens als Täfelchen, um Glaubensinhalte sinnfällig und für das Gedächtnis einprägsam darzustellen. Christus und Maria (auf den Daumengliedern abgebildet) zeigen den «einen» Schöpfergott und die Königin des Himmels; die Bildnisse der zwölf Apostel auf den Fingergliedern (man erkennt sie an ihren «Attributen») verweisen auf die Credo-Sätze des «apostolischen» Bekenntnisses und damit auf das zentrale Wissen jedes gläubigen Christen. In eine weitere Enge (und ein wenig auf die Spitze) getrieben, enthalten die beiden Mosestafeln, die mit zehn römischen Zahlzeichen (drei links, sieben rechts) dargestellt werden, symbolisch die Normen- und Wertewelt des Christen: Die drei linken Gebote regeln sein Verhältnis zu Gott; die sieben rechten seinen Umgang mit den Menschen. Das scheint wenig und ist im Rahmen des Christentums doch die Basis des religiösen und des sozialen Lebens.

Gewiss, die Gelehrten des Spätmittelalters hatten umfangreichere Manuskriptbündel in den Klosterbibliotheken, aus denen sie das für sie nötige - und in der Tat ein wenig breitere - Wissen zogen: Die beliebten «Etymologien» des Bischofs Isidor von Sevilla (um 700) zeigten den tieferen Sinn der Wörter und Sachen auf; der Schwabe Albertus Magnus, der Engländer Bartholomaeus Angelicus, der Franzose Vincent de Beauvais, der Katalane Raimundus Lullus versuchten, jeder auf seine Art, ihr gesamtes Wissen (das nun oftmals aus der heidnischen antiken Welt stammte) in Kompendien zusammenzufassen. Ihre Enzyklopädien dienten wiederum vielen Popularisierern als Grundlage für kleinere, in der Volkssprache abgefasste Handbücher zu Einzelthemen: Dem «Grossen Albert» von Lauingen werden auf diese Weise sowohl Zauber- wie Hebammenbüchlein zugeschrieben.

Und mit der Erfindung der Buchdruckerkunst um die Mitte des 15. Jahrhunderts wagten es einige bildungsbeflissene Geistliche und Pädagogen, aus den grossen Wissenssammlungen solcher Meister kleinere Enzyklopädien zum Gebrauch von Landgeistlichen, Stadtbeamten oder Schülern der Lateinschulen zu komprimieren. Voraussetzung zu deren Gebrauch war zumindest die Lesefähigkeit (ein Privileg der intellektuellen Minderheit), nicht selten auch die Kenntnis der lateinischen Sprache.

Ein Beispiel muss hier genügen: «Lucidarien» wird eine Reihe unterschiedlicher, sehr beliebter, zunächst geschriebener, später gedruckter Schulhefte genannt, deren theologische und moralische Lehren auf ein erstes schmales Werk des Honorius von Autun (um 1100) zurückgehen. Die auf einem Proto-Elucidarium des frühen 12. Jahrhunderts beruhenden volkssprachlichen Lucidarien wandern nun freilich ihre eigenen Wege und durchaus auch in mondäne Welten hinein.

EIN AUTORITÄRER MEISTER

In diesen Klein-Enzyklopädien treten ein wissbegieriger Schüler und ein Meister auf, der sich Lucidarius nennt und seinen Namen als «eyn erleuchter» erklärt. Bei der heutigen Lektüre verschiedener Lucidarien müssen einige Phänomene auffallen. Das erste betrifft das Verhältnis dieser Dialogpartner, die übrigens zu Beginn dieser Handbüchlein in einem Holzschnitt dargestellt sind. Die Fragen des Jüngers im deutschsprachigen «Lucidarius» sind die eines höchst rücksichtsvollen Neugierigen, der nur solche Probleme aufwirft, welche der Lehrer auch beantworten kann.

Er zeigt das einseitige Kommunikationsverhalten, welches wir noch heute bei der Benützung einer Enzyklopädie an den Tag legen. Er stellt nämlich Fragen wie ein stets passiv bleibender Lernender, ohne eigene Meinung und ohne Gegenrede. Es geht zweitens bei dieser Interaktion nicht um eine Auseinandersetzung in Form eines Streitgespräches, an welchem eine zuhörende oder lesende Person lernen könnte, wie man miteinander diskutiert; es geht ausschliesslich um die Indoktrination des Dogmas durch den Mund des Meisters, dem neben seinem theologischen Wissen auch die Finessen sinnbildlicher Argumentationen vertraut sind.

Selbstverständlich beginnt der Wissensaustausch mit Gott und seiner Wesensbestimmung: [. . .] Deus est substantia spiritualis», heisst es da, Gott sei von geistiger Natur und von unaussprechlicher Schönheit. Es überrascht keineswegs, dass Honorius mit Gott beginnt, ganz so, wie es der Dekalog und das apostolische Glaubensbekenntnis tun und wie es übrigens noch Carl von Linné 1735 in seiner Naturenzyklopädie tun wird. Erstaunlich ist dies: Der Jünger nimmt diese Definition kommentarlos entgegen. Er springt sogleich zur nächsten Glaubensfrage weiter und lässt sich die Trinität erklären. Die Unterredung entpuppt sich schon bald als ein Scheindialog. Der leibhaftige Schüler wird die Antworten des Meisters, die er zu lesen bekommt, wie die Antworten des Katechismus auswendig zu lernen haben.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie viele Erzählmaterialien der «Lucidarius» enthält. Der Jünger will schliesslich wissen, wie es in fremden Ländern zugeht, und so erzählt denn der Meister schon 1481 von den wundersamsten Wesen und Ereignissen, zum Beispiel von den Schrecken der Inseln Sizilien oder Sardinien: «Darin ist auch ein Kraut; welcher Mensch das Kraut isset, der lachet, bis er stirbt», und damit ist das «sardonische» Lachen erklärt. Oder nehmen wir einen Passus, der von den Fabelwesen bei fremden Völkern faselt; sie gehen auf die Töchter Adams zurück, welche, von ihrem Fürwitz getrieben, verbotene Kräuter assen, wodurch ihre Kinder durchaus «missrieten». Und von dieser Mär springt der Jünger zu der Frage: «Nun sage mir, wie die Tiere genannt sind, die in demselben Lande sind»; was uns vermuten lässt, dass er von weiteren missratenen und missgestalteten Lebewesen zu hören erpicht ist.

Und der Meister erzählt: «Da sind Schlangen darin und Lintwürmer, die sind so gross, dass sie die Leute verschlingen, und sind so schnell, dass sie das Meer überschwimmen. [. . .] In demselben Land ist ein Tier, das heisst Calhe. Das ist vorne als ein Eber und hat zwei Horn; ist jegliches Horn einen Klafter lang. Wenn es denn fechten soll, so leget es denn das eine Horn auf den Rücken, bis sich das andere Horn verwundet; so leget es denn das verwundet Horn auf den Rücken und ficht mit dem anderen Horne.» Und so geht es weiter mit den gelben Stieren, mit der Manticora, den Ochsen mit drei Hörnern und dem Monoceros mit seinem schönen langen Einhorn, und am Ende des Berichts erscheint dann noch der Magnetstein, der Eisen aufhebt.

Das Lucidarium entwickelt sich im Laufe seiner Geschichte immer mehr von einer Enzyklopädie des Heilswissens weg und hin zu einem unterhaltsamen populären Lesebuch. Es dient dann weniger dem Auswendiglernen von Glaubensinhalten als dem staunenden Erfahren realer fremder Welten. Es öffnet sich von einer Schrift zum Zwecke der Indoktrination zu einem Büchlein zeitvertreibenden Charakters.

Es gibt, wie wir gesehen haben, Klein- und Kleinst-Enzyklopädien, welche den Ansprüchen von jeweils zu definierenden Benützern, vielleicht gar Benützerinnen, genügen und ihnen die - vom Produzenten her gesehen - nötigen Informationen und Lebenshilfen bieten. Die hier betrachteten Büchlein - das ist evident - dienen zunächst eher der geistlichen und moralischen Lebensorientierung als der weltlichen Wissensvermehrung; der Humanismus und später die Aufklärung bringen jedoch Verschiebungen solcher Tendenzen mit sich.

FÜR WEN UND ZU WELCHEM ZWECK?

Klein-Enzyklopädien dienten offenbar klösterlicher Wissensvermittlung, aber auch dem Schulgebrauch. Nicht nur der didaktische Aufbau eines Lucidariums, auch das Auftreten von Meister und Schüler in diesem und anderen hier betrachteten Werken deutet auf die Handhabung im Lateinunterricht oder später in volkssprachigen Schulen. Die Tradition solcher Klein-Allbücher für junge Menschen setzt sich übrigens, wie ein «Abrégé de toutes les Sciences» aus dem Jahre 1811 und ähnliche gedruckte Heftchen aus der Zeit der Volksaufklärung zeigen, bis in die Kinder- und Jugendliteratur des 19. Jahrhunderts hinein fort.

Es ist dennoch kaum anzunehmen, dass die hier in kleiner Auswahl vorgeführten Unterrichts- oder Lesestoffe breite Schichten der Bevölkerung erreicht haben. Immerhin dürfen wir annehmen, dass ein paar tausend Menschen solche Lektüren kannten: unter den Jugendlichen die Zöglinge von Lateinschulen; an den Universitäten die Lehrenden und Studierenden der humanistischen Disziplinen; in den Klöstern die Geistlichen und einige Laienbrüder, auch einige Nonnen; in den Städten ein paar Honoratioren wie Ärzte und Ratsherren samt Ehefrauen und eine Reihe von aussenorientierten Kaufleuten samt Familien - sowie insgesamt seit den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts, also in der Epoche der Reformation, sehr viel mehr Menschen als im Spätmittelalter. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung, die Analphabeten, hatte zu diesen Lesematerialien keinen Zugang; als Vorlesestoffe waren die Enzyklopädien wenig geeignet.

Die Vorgeschichte der grossen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts (von Johann Heinrich Zedler bis zu den geschäftstüchtigen Aufklärern Jean-Baptiste le Rond d'Alembert und Denis Diderot) mag auf der Ebene der populären Literatur keine herausragenden Werke aufweisen, die vorhandenen Handschriften und Zeugnisse des Frühdrucks zeigen jedoch, wie sich das Wissen der wenigen ausdehnt und nach und nach breitere Kreise von geistlichen und weltlichen Laien erreicht. Die Geschichte der Enzyklopädien erweist sich so als ein Prozess der Demokratisierung des Wissens. Dieser Prozess muss im 21. Jahrhundert hinsichtlich der Nutzung des Internets weiter vorangetrieben werden.

 


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