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2. PuzzlearbeitTheo Wirth
2.1. Einführung(Grössere Teile dieser Einführung sind als Zweitveröffentlichung gedruckt erschienen in: "Der Altsprachliche Unterricht", Heft 2 des Jahrganges 2001, S. 40-47) PuzzleunterrichtDer Puzzleunterricht ist eine der Unterrichtsformen, die sich für komplexere sprachliche Themen als geeignet erwiesen haben. Es geht auch hier nicht um naive PR für "Neues" und eo ipso Gutes, sondern darum, dass wir in der Lage sein sollten, je nach Stoff eine für die Schülerinnen und Schüler geeignete Unterrichtsform zu wählen. Was ist Puzzleunterricht? Eine knappe Beschreibung (Voraussetzung: Es sei ein grösseres Stoffgebiet zu unterrichten, das aus mehreren Teilbereichen besteht): Die Klasse wird in Gruppen aufgeteilt, deren Mitgliederzahl mit der Zahl der Teilbereiche übereinstimmt (z.B. bei 4 Teilbereichen also Vierergruppen);
mit überzähligen Schüler können einzelne Teilbereiche doppelt besetzt werden.
In jeder Gruppe wird also jeweils das gesamte Stoffgebiet unterrichtet, und zwar von den SchülerInnen, nicht von der Lehrkraft. Die Lehrkraft erhält eine neue, von den Schülern sehr geschätzte Funktion: diejenige der Beratung. Daher ist es sinnvoll, alle Gruppen im gleichen Raum arbeiten zu lassen.
Genauere Beschreibung der Unterrichtsform/des Vorgehens:
(Nach der eigentlichen Puzzlearbeit:
Die Methode ist ein wirksames didaktisches Instrument: Es entspricht den Forderungen nach ganzheitlichem, aktivem, individuellem, vernetzendem und interaktivem Lernen. Ausserdem polt es die sattsam bekannte passive und oft desinteressierte Empfängermentalität um in eine aktive, denkintensive, verantwortungsbewusste Arbeitshaltung. Der Anspruch an alle SchülerInnen ist hoch, gerade an die schwachen; aber sie werden auch gestützt - im eigensten Interesse der MitschülerInnen, denn was nützt eine schlechte Erklärung? Die Lehrkraft wird ihrerseits sehr anders (und positiv!) erlebt, als Beraterin und Gesprächspartnerin. Natürlich kann man die Schüler nicht einfach "laufen" lassen, es braucht steuernde Massnahmen seitens der Lehrkraft in Form von genauen und zu kontrollierenden Anweisungen. Wirksam zeigt sich das Instrument auch in einer weiteren Hinsicht: Nach den Aussagen der meisten Lehrkräfte, die im Grammatikunterricht die Puzzlemethode anwenden, ist bei den Schülern die Langzeitwirkung - Klarheit der Phänomene auf lange Sicht und nachhaltiges Können - grösser als bei einem stärker lehrerzentrierten Unterricht. Beeindruckend ist, dass auch junge SchülerInnen sehr gut und erst noch gerne mit dieser Methode arbeiten: Meine Erfahrungen mit Anfangslateinern (7. Schuljahr) sind ausgezeichnet. Eine häufig gehörte Frage lautet: Benötigt die Methode nicht zu viel Zeit? Antwort: in der Regel nein. Natürlich dauert eine Einführung eines Themas mit der Puzzle-Methode länger als mit einem Lehrvortrag - den Unterschied spürt man nachher: Nicht bloss einige wenige Schülerinnen und Schüler, sondern alle beherrschen das Gesamtthema in hohem Mass, daher wird die Festigungs- und Übungsphase bedeutend kürzer. Übers Ganze gesehen benötigt man mit der Puzzle-Methode etwa gleich viel Zeit wie mit einer traditionellen Unterrichtsmethode, manchmal sogar klar weniger (nämlich dann, wenn ein Lehrbuch die Mehrfachfunktionen einer Form, z.B. beim Ablativ oder Konjunktiv im Hauptsatz, auf mehrere Lektionen aufteilt; mit der Puzzle-Methode können sie zusammengezogen werden). Wo kann im altsprachlichen Unterricht die Puzzle-Methode, alternativ zu anderen Unterrichtsformen, eingesetzt werden? Im Sprachunterricht wie oben gesagt bei komplexen Sprachthemen: bei multifunktionalen Spracherscheinungen (wie Ablativ, Konjunktiv im Hauptsatz, cum und ut), bei den Partizipialkonstruktionen, der Steigerung; die Verwendung kann ausgedehnt werden auf heterogene Bereiche, etwa auf die diversen Grammatikthemen einer grösseren Buchlektion und auf Übungssequenzen. Sie eignet sich im Übrigen auch für den Lektüreunterricht, für Lektüren, die aus unterteilbaren Bereichen bestehen, z.B. für Gedichtlektüre, oder bei zusammenhängenden Texten für die Interpretation am Ende einer grösseren Einheit. Sie dürfte sinnvoll sein auch bei besonderen Organisationsformen des Unterrichts sein, in Arbeitswochen, bei Projekttagen, im Blockunterricht. Nicht geeignet ist sie bei einfachen, eindimensionalen Sprachthemen (Futur, Plusquamperfekt, Gerundium, a.c.i. etc.). Unumgänglich ist ein didaktisch-methodisches Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern, bevor erstmals die Methode eingesetzt wird: Sie sollen erkennen, wieso die Lehrkraft dieses Vorgehen wählt, welches seine Elemente sind und welche Bedeutung den Schülern und der Qualität ihrer Arbeit zukommt. Unten in 2.2. werden Puzzles zum Ablativ und zum Konjunktiv im Hauptsatz vorgestellt. Eine Voraussetzung sei jedoch bereits hier genannt, da sie für beide Puzzles gilt: Das sprachliche Material, das den Schülern für ihre Arbeit an den Puzzles zur Verfügung steht, sind nicht die Lektionstexte, sondern Einzelsätze; die Texte bringen nach Beendigung der Puzzles die Anwendung des Gelernten und die Festigung.1 Was denken SchülerInnen über die Methode? Eine UmfrageNach der ersten Puzzle-Arbeit, die ich in einer ersten Klasse des Langzeitgymnasiums (7. Schuljahr, L 2) durchgeführt hatte, machte ich eine Umfrage. Positive Äusserungen:
Negative Äusserungen
Gesamturteil (21 Schülerinnen und Schüler):
Weitere Beispiele für Puzzles auf SwissEduc: Beispiel: Einführung der Ablativ-FunktionenAufgrund persönlicher Lehrerfahrungen wird hier dargestellt, wie mittels der Unterrichtsform des Puzzles
Für alles Grundsätzliche zur Unterrichtsform des Puzzles verweise ich auf die Einführung; sie wird hier nicht wiederholt, ihre Kenntnis ist notwendig. Ein einziger grammatischer Punkt sei erwähnt: Instrumental und Soziativ zu trennen erscheint sinnvoll, sowohl aus semantischen Gründen (s. dazu unten) als auch aus formalen Überlegungen (Präposition) - wir sollten Fehlleistungen vom Typ cum amicis venire = Instrumentalis vermeiden, auch wenn sie in einzelnen heutigen Lehrmitteln leider bereits salonfähig geworden sind. Für dieses Ablativ-Puzzle werden folgende Materialien angeboten:
Die Materialien werden hier zur Übersicht vereinfacht dargestellt; in vollständiger Form können Sie sie herunterladen: Sachliche Informationen:Lehrbuch: "Ostia", Lektion 6 (ebenso "Ostia altera" Lektion 6). Die für die Puzzlearbeit verwendeten Texte, Übungen und Grammatikabschnitte des Buches sind ebenfalls auf dem Internet zugänglich. Der Einfachheit halber sei wenigstens der Text hier zitiert (vgl. den Kasten). Für selbständige Schülerarbeit eignet er sich sehr gut. Ostia 6 A1 Flavus und der Esel Selenus hat frühmorgens Flavus mit einem Esel nach Pompeji geschickt; er soll zunächst bei Umbricius Agathopus eine Lieferung garum (eine flüssige Würze auf Fischbasis, die der Römer fast jeder Speise zufügte) bestellen und dann vor allem im Hafen einen Ballen ägyptischer Baumwolle abholen, die Aurelia dringend erwartet und von der gerade eine Ladung angekommen ist.
Die Methode ist übertragbar auf andere Lehrbücher, sofern sie alle Hauptfunktionen des Ablativs en bloc bringen - oder die Lehrkraft macht dies selbst. Rahmenbedingung der "Ostia": alle Funktionen zunächst ohne Präpositionen. Stufe: 7. Schuljahr (L 2, Anfangsunterricht Latein) oder später. Lernziele:
Dauer der eigentlichen Puzzlearbeit, ohne die Vorarbeiten (in Lektionen à 45 Min.):
Vorgehen:Den Schülerinnen und Schülern werden nicht alle schriftlichen Unterlagen als vollständig ausgefüllte, sondern teilweise als noch zu ergänzende Blätter abgegeben; in der Erarbeitungsphase füllen die "Schülerlehrer" ihren jeweiligen Teilbereich anhand der farbigen Folien aus und erarbeiten die Präparation ihres Unterrichts, in der Unterrichtsphase notieren dann die übrigen Schüler die Einträge, die nicht zu ihrem eigenen Teilbereich gehören. Absicht: Durch die manuelle Tätigkeit wird die Arbeit sinnvoll verlangsamt, die Schülerinnen und Schüler konzentrieren sich stärker und verstehen dadurch besser (Variante: Die Unterlagen werden mit allen Angaben fertig ausgefüllt abgegeben; man spart einen Hellraumprojektor ein, benötigt aber Kopien mit farbiger Schrift). Ein Wort zur Aufgabe der Lehrkraft: Sie erhält teilweise eine andere Aufgabe als im Erarbeitungsunterricht: Sie berät, gibt Hinweise und Tipps (z.B. wie man ein Thema unterrichten könnte!) - und muss vielleicht auch darauf hinweisen, dass die Lektion sich ihrem Ende nähere, weil die Schüler so beschäftigt sind... Ein wichtiger Moment der Beratung ist in der Expertenphase zu sehen, dort können Weichen gestellt werden. Ich nehme die "Instrumentalisten" und die "Sozialisten" jeweils kurz zusammen, um ihnen die Differenz zwischen Instrumental und Soziativ möglichst deutlich zu machen, u.a. mit einem "schlagenden" Beispiel wie "Ich schlage die Nägel mit dem Hammer ein" versus "Ich schlage die Nägel mit dem Freund ein": Mit der gleichen Form werden auch im Deutschen zwei wirklich verschiedene Funktionen ausgedrückt! Anspruchsvoller wird die Differenzierung zwischen Instrumental und sociativus modi; im Beispiel des Ostia-Textes kann man gegenüberstellen und mit einer Zeichnung verdeutlichen die beiden deutschen Sätze "Flavus sammelt mit beiden Händen Gras" versus "Flavus sammelt mit grosser Sorgfalt Gras": Im ersten Fall könnte die Handlung ohne den Gebrauch der Hände gar nicht stattfinden (sie sind das Hilfsmittel), im zweiten ginge es auch ohne Sorgfalt (sie ist eine Begleiterscheinung der Handlung). Materialien, zusätzlich zum Lehrbuch:(Die Materialien werden hier fortlaufend ab 1 nummeriert; in der Schulwirklichkeit haben sie eine andere Zählung, nämlich nach ihrem Ort im gesamten Grammatikordner (Dieser kann im Internet eingesehen werden.)
Die Materialien (Nr. 1-4a)Nr. 1: Hinweise für die Lehrkraft
a) Vorarbeiten mit der Klasse:
b) als Hausaufgabe oder in der Lektion vor Beginn d. Gruppenarbeit:
c) Gruppenarbeit (Puzzle-Methode): 1. Erarbeitungsphase (Stillarbeit; noch nicht in der Gruppe): 2. Expertenphase (erste Gruppenarbeit: alle gleichen Nummern zusammen): 3. Unterrichtsphase (zweite Gruppenarbeit: gemäss der Gruppeneinteilung): d) Zusammenfassung, Klärung, Lernen e) Texte und weitere Übungen (z.T. auch in der Gruppe) f) Prüfung. 1. Erarbeitungsphase (Stillarbeit; noch nicht in der Gruppe): 2. Expertenphase (erste Gruppenarbeit: alle gleichen Nummern zusammen): 3. Unterrichtsphase (zweite Gruppenarbeit: gemäss der Gruppeneinteilung): Nr. 2-4: Arbeitsblätter für die Schüler (Grammatikblätter)
Sprachgeschichtliches:
Satzglied und Ablativ-Funktionen:
Die 4 Kasusfunktionen, die mit der Form Ablativ ausgedrückt werden:
Nr. 3a-4a: ausgefüllte farbige Folienvorlagen zu Nr. 3 und 4
Autor: Theo Wirth.
1 Zur Präzisierung: Dieses Vorgehen beinhaltet die Erstvermittlung von Wissen und Können mittels sprachtheoretischer Arbeit, gestützt auf knappe Beispiele, welche das neue Phänomen gehäuft und in der ganzen gewünschten Bandbreite darstellen, wenn möglich ohne neue Vokabeln. Die Methode ist bei manchen komplexen, multifunktionalen Erscheinungen effizient und effektiv, weil sie den Schülerinnen und Schülern erlaubt, sich voll auf das eine grössere Thema einzustellen und es in der nötigen Vielfalt, aber von vorneherein klar und übersichtlich zu durchdringen; und Klarheit ist ja hochwichtig. Selbstverständlich müssen diese Einzelsätze gewissen Anforderungen genügen: Sie müssen jeweils Minitexte sein, in einen Kontext eingebettet sein oder in einen solchen eingebettet werden können (wenn nötig wird er in einer kurzen deutschen Einleitung angegeben). Wenn sinnvoll können sie in zweisprachig-synoptischer Gestalt eingesetzt werden. Sie brauchen auch nicht unbedingt einen Zusammenhang untereinander zu haben und einen - oft gekünstelten - Gesamttext darzustellen. Eine Variante dazu kann ein deutscher Gesamttext sein, in dem nur diejenigen Sätze lateinisch erscheinen, die das thematisierte Phänomen beinhalten. Gut geeignet sind auch Elemente aus früheren Lesetexten, die in neuer Form erscheinen. (> Text) |
| Letzte Änderung: 23.10.2009 · © SwissEduc-Team | Hosted by Metanet |